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Bro Nation: Toxische Männlichkeit, Patriarchat und Neo-Faschismus

Von Marcelo Kuna

Als die FSK Citizen Vigilante von Uwe Boll in einer Sechs-zu-Zwei-Abstimmung ohne Kennzeichen ließ, tat sie etwas Aufschlussreicheres als Zensur: Sie machte sichtbar, was der Film selbst nur behauptet zu zeigen. Ein weißer Mann, der migrantische Täter:innen und korrupte Richter:innen niedermäht — das ist keine neue Erzählung. Das ist der Männerbund. Nicht als Metapher, sondern als historisch belegbare Struktur der deutschen politischen Imagination, die Claudia Bruns bereits 2008 in ihrer Studie Politik des Eros minutiös freigelegt hat: jene Verknüpfung von viriler Selbstjustiz, homoerotischer Solidarität unter Gleichen und dem Ausschluss dessen, was der Männerbund als Bedrohung konstruiert: „die Frau”, „den Juden”, heute „den Migranten” — als konstitutiver Akt staatlicher Ordnung. Was Boll dreht, ist kein schlechter Film über ein Randphänomen. Es ist das AfD-Unbewusste, das endlich offen träumt.

Kultur ist immer dann das Schlachtfeld, wenn der Staat die Grenzen des Sagbaren neu verhandelt — und er verliert diesen Kampf meistens, weil er nicht versteht, dass Verbote keine Bedeutung tilgen, sondern Märtyrer:innen produzieren. Als die FSK Citizen Vigilante ohne Kennzeichen ließ, schuf sie keine Stille. Sie schuf ein Dokument. Denn wer einen Film verbietet, weil er zu gefährlich ist, bestätigt damit genau das, was dieser Film behauptet: dass das System die Wahrheit fürchtet. Das ist keine Logik, die ich teile. Aber es ist die Logik, die wirkt.

Wer das bezweifelt, sollte sich das Video des deutschen YouTubers Radical Living vom 9. April anschauen — 36 Minuten, 1,8 Millionen Aufrufe in wenigen Wochen, mittlerweile ein virales Dokument deutschen Unbehagens. Radical Living empfiehlt keine Partei, er benennt nicht einmal eine als die Lösung. Aber er sagt, dass ein Land, das seine zweitgrößte Partei mit einer demokratischen Brandmauer umgibt und gleichzeitig versucht, sie zu verbieten, aufgehört hat, ihn von Demokratie zu überzeugen. Er lebt jetzt in Zypern. Er ist keine rechtsextreme Person. Er ist ein Symptom. Und Symptome verschwinden nicht, wenn man sie zensiert — sie wandern in den Körper hinein.

Das ist das Paradox jeder staatlichen Kulturpolitik, die Freiheit durch Einschränkung verteidigt: Sie reproduziert ästhetisch genau das, wogegen sie vorgeht. Die FSK-Entscheidung gegen Citizen Vigilante gibt dem Vigilanten recht. Das Verbotsverfahren gegen die AfD gibt dem Narrativ recht, dass die etablierten Parteien Angst vor dem Volk haben. Ich halte Uwe Bolls Film nicht für Kunst — nicht in irgendeiner Form, Gestalt oder Erscheinung. Und ich halte die AfD für das, was sie ist: eine Partei, die den Männerbund als Wahlprogramm betreibt. Aber die Frage, ob ein Kulturprodukt gefährlich ist, lässt sich nicht durch Administrativakt beantworten. Sie lässt sich nur durch Gegenöffentlichkeit beantworten — durch Analyse, durch Benennung, durch genau das, was hier versucht wird.

Das setzt allerdings voraus, dass die Analyse das richtige Werkzeug greift — und die deutsche Öffentlichkeit greift hier seit Jahren systematisch daneben. Wer über die Neue Rechte schreibt, landet früher oder später beim Vorwurf des Okkultismus. Die AfD als esoterische Sekte, Björn Höcke als Schamane im Nadelstreifen — das ist ein beliebtes Deutungsmuster, das mehr über die Hilflosigkeit der Kritiker:innen sagt als über den Gegenstand. Denn was politische Bewegungen wie die AfD antreibt, ist kein spirituelles Begehren, kein Wahrheitssuchen, keine synkretistische Offenheit gegenüber dem Anderen — sondern schlicht der Wille zur Macht. Das ist kein Okkultismus. Das ist Soziologie. Der Religionssoziologe Colin Campbell hat bereits 1972 präzise beschrieben, was ein kultisches Milieu ausmacht: epistemische Toleranz, Durchlässigkeit zwischen Traditionen, das Primat individueller Sinnsuche. Politische Ideologien, die Ausschluss, Hierarchie und Gewalt organisieren, fallen strukturell aus diesem Rahmen heraus — sie sind das Gegenteil von kultisch. Sie sind Männerbund.

Der analytische Gewinn von Claudia Bruns’ Politik des Eros liegt genau darin: Ihr Konzept erlaubt es, Xenophobie und Vigilantenjustiz nicht als pathologische Abweichung vom demokratischen Normalzustand zu lesen, sondern als dessen historisch sedimentierte Kehrseite. Der Männerbund konstituiert sich nicht trotz des Ausschlusses des Anderen, sondern durch ihn — „die Frau”, „der Jude”, „der Migrant” sind keine zufälligen Feinde, sondern konstitutive Außenseiter:innen, deren Bedrohung den Zusammenhalt der Gemeinschaft erst herstellt. Citizen Vigilante funktioniert nach exakt dieser Logik. Aber Boll steht damit nicht allein. Bereits 2018 lieferte Peppermint mit Jennifer Garner dasselbe ideologische Grundgerüst in weiblicher Verkleidung: eine Mutter, die das Rechtssystem als korrupt erlebt, den Staat als impotent — und die Selbstjustiz als einzig mögliche Antwort auf hispanische Kartellkriminelle. Der Vigilantenfilm der Trump-Ära ist kein Genre der Wut. Er ist ein Genre der Ordnung — der Wiederherstellung einer Gemeinschaft, die sich durch Bedrohung von außen definiert. Dass ausgerechnet Armie Hammer, der „gecancelte” Mann, der durch eine Kampagne sozialer Ächtung vom Star zum Geächteten wurde, nun als Sanders zurückkehrt — als Selbstjustizfigur, der das System Unrecht getan hat — ist keine biografische Fußnote. Es ist die Besetzung als politische Aussage.

Was bleibt, wenn man all das zusammenhält — den verbotenen Film, den deutschen YouTuber in Zypern, die AfD als stärkste Kraft in den Umfragen, eine Bundesregierung, mit deren Arbeit laut ARD-DeutschlandTrend vom Mai 2026 nur noch 13 Prozent der Bevölkerung zufrieden sind. Das ist der schlechteste Wert für eine Bundesregierung nach dem ersten Amtsjahr seit Beginn dieser Erhebung im Jahr 1997. Was bleibt, ist kein Rätsel, sondern eine Diagnose. Friedrich Merz, dessen Zustimmungswerte seit Amtsantritt kontinuierlich gefallen sind und ihn zum unbeliebtesten Bundeskanzler der jüngeren Geschichte machen, führt ein Land, das sich in seiner vierten wirtschaftlichen Kontraktion in ebenso vielen Jahren befindet, durch einen Energiepreisschock, der durch den Krieg im Nahen Osten ausgelöst wurde, und durch Exportrückgänge, die kein Konjunkturpaket kurzfristig kompensieren wird. Vier Rezessionen in vier Jahren — das wäre ein Vorgang ohne Nachkriegspräzedenz. In diesem Vakuum wächst nicht Demokratie. In diesem Vakuum wächst der Männerbund.

Nicht weil die Menschen böse sind. Sondern weil der Männerbund genau das anbietet, was eine erschöpfte Gesellschaft in Krisenzeiten nachfragt: eine Gemeinschaft, die sich durch Ausschluss konstituiert, ein Narrativ der Bedrohung von außen, das innere Zerrissenheit überlagert, und eine Ästhetik der Stärke, die Ohnmacht als Tugend umdeutet. Citizen Vigilante ist nicht die Ursache dieses Begehrens. Er ist sein Spiegel. Die FSK hat diesen Spiegel verboten — und damit das Bild, das er zeigt, unsterblich gemacht.

Ich schreibe das als eine Person, die aus Brasilien kommt. Einem Land, das Bolsonaro kannte, bevor Europa Trump verstand. Einem Land, das gelernt hat — auf die härteste mögliche Weise — dass die Männerbund-Ästhetik nicht durch Verbote stirbt, sondern durch Benennung: durch das beharrliche, öffentliche, laute Insistieren darauf, was diese Bilder wirklich zeigen und welche Ordnung sie herstellen wollen. Deutschland steht an einem Scheideweg, den es in dieser Form noch nicht kannte: mit einer Regierung, die das Vertrauen des Volkes verloren hat, einer Opposition, die man nicht ansprechen will, und einer Kulturpolitik, die Gegenöffentlichkeit mit Gefahr verwechselt. Das Vigilantenkino hat diese Lage nicht erzeugt. Aber es benennt sie — auf seine brutale, unaufrichtige, ideologisch vergiftete Weise — präziser als viele Leitartikel, die ich in den letzten Monaten gelesen habe.

Die Frage ist nicht, ob man Uwe Boll zeigen darf. Die Frage ist, ob man bereit ist, hinzuschauen, was er zeigt — und es beim Namen zu nennen.

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Marcelo Kuna forscht zu Geschlecht, Okkultur und populärer Kultur, schreibt Essays und steht auf der Bühne. Marcelo lebt in Berlin.


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Fotonachweis: “Der Triumph Hermanns nach seinem Sieg über Varus” von Johann Heinrich Tischbein dem Älteren. Aus James Steakley – Petra Tiegel, Gewiß steht dieses Gemählde in Pyrmont an seinem rechten Orte (Bad Pyrmont: Museumsverein im Schloss Bad Pyrmont e.V., 1992), S. 4., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20079153

 


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